In der Welt der Biowissenschaften zeichnet sich ein Trend zur Revolte ab. Über 26000 Personen in mehr als 150 Ländern haben bereits einen Aufruf zum Boykott jener Wissenschaftsverlage unterschrieben, die sich weigern, Artikel über Forschungsergebnisse rasch und kostenlos ins Internet zu stellen. Europa bezieht Stellung in dieser Debatte, die in den Vereinigten Staaten begonnen hat - und zeigt mit der Lancierung der Initiative E-BioSci einen konstruktiven Weg aus diesem Konflikt auf.
Public Librory of Science. Unter diesem Namen startete eine kleine Gruppe amerikanischer Biowissenschaftler im September 2000 eine Kampagne, die darauf abzielt, die renommierten Wissenschaftszeitschriften dazu zu bewegen, die veröffentlichten Artikel sechs Monate nach ihrem Erscheinen - über entsprechende lnternet-Sites - freizugeben. Anderenfalls rufen sie die internationale biomedizinische Gemeinschaft auf, Verleger, die dieses Prinzip ablehnen, zu boykottieren - mit anderen Worten, weder ihre Ergebnisse bei ihnen zu veröffentlichen noch ihre Publikationen zu abonnieren.
Diese Frage erhitzt die Gemüter seit Ende der 90er jahre (siehe Kasten). Aufgekommen ist sie in den Vereinigten Staaten, wo auf Betreiben der mächtigen NIH (National Institutes of Health) und insbesondere des Nobelpreisträgers Harold Varmus eine erste zentrale und kostenlose Online-Bibliothek - PubMedcentrat (PMC) - eingerichtet wurde. Dies wiederum hat einen heftigen Gegenangriff seitens der Fachverlage ausgelöst.
Seit jahrhunderten haben Wissenschaftsverlage eine hehre Mission - die Validierung neuer Kenntnisse, abgesichert durch die Kontrolle der peer reviews, die für die Veröffentlichung der Artikel grünes Licht geben. Im Laufe der Zeit hat dieses sehr alte, auf seine Integrität und seine Vorrechte bedachte System mächtige Bastionen entstehen lassen, die sich nicht zuletzt auch zu "Wirtschaftsimperien" entwickelt haben.
Ein paar große amerikanische und europäische Verlagsgruppen beherrschen zu gleichen Teilen ein mehr als üppiges Segment dieses internationalen Markts für wissenschaftliche Publikationen, der auf immerhin 7 bis 9 Milliarden Euro geschätzt wird. Dank ihres Oligopols konnten sie die Preise für die Zeitschriften ständig weiter in die Höhe treiben (zuletzt um durchschnittlich 15 % pro Jahr), obwohl die Produktionskosten ein solches Vorgehen sicher nicht rechtfertigten(1). Außer den Wissenschaftlern sind noch andere Akteure an dieser Debatte interessiert, insbesondere die Leiter wissenschaftlicher Bibliotheken in Universitäten und Forschungszentren, deren Budgets unter der Last überteuerter Abonnements fast zusammenbrechen.
Aber nicht nur wegen ihres Finanzgebarens wird die Welt der Wissenschaftsverlage in Frage gestellt. Es geht auch darum, ob diese Struktur der Vergangenheit - die Nachfolgerin der Gutenberg-Galaxie - den heutigen Bedingungen der exponentiellen Anhäufung von Wissen und den vom lnternet eröffneten Möglichkeiten (Archivierung, Navigation, Multimediatechnologien) überhaupt noch angemessen ist.
Dank der neuen Technologien bringt die Wissenschaft immer mehr Ergebnisse hervor und trägt immer mehr Daten zusammen. Die Genom-Explosion zum Beispiel veranlasst die Forscher zur lnventarisierung von Millionen DNS-Seguenzen, die nur elektronisch zugänglich sind. Es liegt also auf der Hand, dass die gesamte Wissenschaft ihre Wege der Wissensübermittlung einer kritischen Prüfung unterziehen muss.
Um jede Polemik zu vermeiden und diese Debatte - aus europäischer Sicht - auf konstruktive Weise voranzutreiben, hat die Europeon Moleculor Biology Organisation (EMBO) das Konzept E-Biosci entwickelt und zwar in Abstimmung mit allen betroffenen Kreisen: den Wissenschaftlern die mit der zwingenden Notwendigkeit konfrontiert sind, auf Kenntnisse zurückzugreifen und selbst welche zu produzieren, den Verlagen (gemeinnützige wissenschaftliche Einrichtungen(2) ebenso wie Konzerne) und den Leitern wissenschaftlicher Bibliotheken, die vor allem in den Universitäten beim Zugang zu Wissen eine Schlüsselrolle spielen.
Das aus diesem Interessenkonflikt hervorgegangene Projekt E-Biosci ist anders angelegt als sein amerikanisches Pendant PubMedCentral. PMC präsentiert sich wie eine Art zentraler Anlaufstelle, in die alle Wissensbestände, die in den mit Biomedizin verbundenen Publikationen enthalten sind, einfließen sollen. Aber in Wirklichkeit liegen die Dinge nicht ganz so einfach, denn die Organisation der Netzwerke der Welt des Wissens wird immer komplexer. Im Bereich der Genomik, um dieses Beispiel wieder aufzugreifen, geht die wissenschaftliche Information weit über die Frage des Zugangs zu den Publikationen hinaus. Die Wissenschaft arbeitet heute mit einer enormen Masse an "Informationsatomen", die in zahlreichen Datenbanken gespeichert sind. Außerdem setzt sie immer ausgeklügeltere Multimedia-Bildgebungssysteme ein, die von spezialisierten Infrastrukturen versorgt werden.
E-BioSci wollte auf eine derartige "Zentralisierung" verzichten und hat statt dessen eine Plattform eingerichtet die alle wichtigen Orte, in denen Kenntnisse in all ihren Formen gesammelt und erzeugt werden, miteinander verbindet. Natürlich gibt es zwei Grundvoraussetzungen für ein solches Zugangsportal: die Bereitstellung leistungsstarker Suchmaschinen zur Navigation in diesem Gewirr von Netzwerken und die unbedingte Gewährleistung der Qualität der Informationen, die durch die Tradition des peer review gegeben sein dürfte.
Kommerzieller und kostenloser Zugang könnten hier in gesundem Wettstreit miteinander koexistieren. Auf diese Weise will E-BioSci dazu beitragen, die Bedingungen des Marktes für wissenschaftliche Publikationen zu verbessern - ein Markt, der mit einiger Berechtigung für sein nicht gerade wettbewerbsorientiertes Funktionieren kritisiert wird. Die positive Aufnahme dieses Ansatzes durch die großen europäischen Verlagsgruppen zeigt, dass ihnen die Notwendigkeit einer solchen "Sanierung" bewusst ist.
(1) Erwähnenswert sind hingegen die letzten jährlichen Gewinnsteigerungen, die bei den "reichsten" Gruppen zwischen 33 und 120% betragen! Manche Zeitschriften wollen die Autoren sogar für die Veröffentlichung bezahle lassen, zu Preisen von rund 2500 Euro pro Artikel - diese Kosten sollten ihrer Meinung nach einfach in die von den Forschern beantragten Mittel einbezogen werden. Ein seltsamer Standpunkt, wenn man bedenkt, dass diese Mittel in den meisten Fälle von der öffentlichen Hand vergeben werden.
(2) Viele Zeitschriften werden von wissenschaftlichen Vereinigungen oder Universitäten herausgegeben, die zur Entwicklung ihrer wissenschaftlichen Aktivitäten auf diese Einnahmen angewiesen sind. Folglich können sie sich mit der Idee eines kostenlosen Zugangs zu ihren Archiven nicht so recht anfreunden.
Les Crivell, EMBC
grivell@ersho.org
www.e-biosci.org/
Carlos Mardinez Riera, GD Forschung
carlos.martinez.riera@cec.eu.int
Public Library of Science
www.publiclibraryofscience.org
PubMedCentral
www.pubmedcentral.nih.gov/
Europäische Vereinigung SPARC
(Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition)
www.arl.org/sparc/
Nach Auffassung der Forscher, die das Verhalten der Wissenschaftsverlage kritisieren, ist der Wissensbestand ein Gemeingut und muss als solcher allen zugänglich sein. Sie erinnern daran, dass die Wissenschaft weitgehend von der Gemeinschaft finanziert wird. In ihrer Argumentation betonen sie, dass weder die Verfasser der Artikel noch die Mitglieder der peer-review-Ausschüsse für ihre Leistungen bezahlt werden und die Erhebung von Copyrightgebühren, die manche Verlage für den Zugang zu ihren Archiven verlangen, daher nicht zu rechtfertigen ist.
Quelle: FTE info Magazin für die Europäische Forschung, 31. September 2001, S. 15
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